Rückblick auf das Feuerlein-Symposium 2019 in Heidelberg

Beim diesjährigen, zweiten Feuerlein-Symposium diskutierten ExpertInnen aus Praxis und Forschung aktuelle Aspekte rund um das Thema Sucht. Ein Schwerpunkt waren E-Zigaretten als neues Suchtmittel.

Dampfen statt Rauchen: die E-Zigarette auf dem Vormarsch
Nebelartige Dampfwolken in Geschmacksrichtungen wie Karamell, Pfefferminz, Vanille oder Ananas: Seit einigen Jahren sind in Deutschland immer öfters Menschen anzutreffen, die E-Zigaretten konsumieren. Ob mit oder ohne Nikotin: Die Tabakindustrie baut die neue Technologie der aromatisierten Dämpfe auf und bewirbt sie mit dem Label „gesünder als herkömmliche Zigaretten“ – ein Etikettenschwindel, der dazu führt, dass KonsumentInnen das Gefahrenpotential von E-Zigaretten deutlich unterschätzen.

Der medizinische Blick auf E-Zigaretten
Chancen für einen sanfteren Konsum oder doch eher Risiko? Diese Frage wurde unter anderem auf dem diesjährigen Feuerlein-Symposium diskutiert. E-Zigaretten werden durch medizinische Fachgesellschaften tendenziell kritisch bewertet. Zentrale Bedenken sind neben der Sorge, dass durch die geschmackliche Vielfalt der sogenannten Liquids Jugendliche zum Dampfen und dann zum Rauchen verführt werden, vor allem die Ungewissheit über Gesundheitsgefahren durch die erhitzten Liquids. So werden unter anderem ungeklärte Lungenerkrankungen diskutiert – und auch Todesfälle geraten zunehmend in den Fokus der amerikanischen Berichterstattung. Vor allem die in den USA vermarkteten USB-Stick-ähnlichen neuen Geräte führen zu einer Nikotinanflutung im Gehirn, die mit der durch herkömmliche Zigaretten erreichten vergleichbar ist. Dies lässt vermuten, dass E-Zigaretten ein ähnliches Abhängigkeitspotential besitzen wie ihr herkömmliches Pendant.

Die E-Zigarette im Diskurs des Feuerlein-Symposiums
Die Diskussion über das Gefahrenpotential von E-Zigaretten verläuft in Deutschland kontrovers: Gerade für schwer Tabakabhängige, die bereits stark unter den Folgen des Rauchens leiden, könnte diese Konsumform eine Verlangsamung der Chronifizierung und Minderung der Folgeerkrankungen ermöglichen und somit eine weniger tödliche Form des Rauchens darstellen. Andererseits lässt sich die E-Zigaretten-Technologie auch als Trojanisches Pferd der Tabakindustrie werten, mithilfe dessen die Nikotinabhängigkeit weiter gefördert wird – so die Einschätzung von Dr. Tobias Rüther (Klinikum der Universität München) auf dem diesjährigen Feuerlein-Symposium.

Das Feuerlein-Symposium: Verbindung von Forschung und Praxis
Das Feuerlein-Symposium zur Versorgungsforschung in der Suchttherapie findet jährlich im Internationalen Wissenschaftsforum Heidelberg (IWH) statt. Am 17. Oktober 2019 trafen sich in Heidelberg nationale und international renommierte Suchtforschende mit regionalen AkteurInnen der Suchtprävention und Suchttherapie und diskutieren aktuelle Erkenntnisse aus der Wissenschaft und deren Beitrag zur Versorgungsrealität. Neben dem Gefahrenpotential von E-Zigaretten wurden auf dem diesjährigen Feuerlein-Symposium unter anderem folgende Themen erörtert: Chancen und Risiken von häufigen stationären Behandlungen, Policy-Aspekte der Suchtkrankenversorgung, Besteuerung von Tabak und Alkohol, Präventionsstrategien und die Opioidkrise in den USA.

Organisiert wurde das Feuerlein-Symposium zum zweiten Mal vom Feuerlein Centrum für Translationale Suchtmedizin (feuerleinCTS) – auch wieder in Kooperation mit der Deutschen Suchtstiftung. Die wissenschaftliche Leitung des Symposiums übernahm Dr. Ulrich Frischknecht, psychologischer Psychotherapeut und Arbeitsgruppenleiter an der Klinik Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am ZI in Mannheim. Das feuerleinCTS ist eine Kooperation der Suchtkliniken am Psychiatrischen Zentrum Nordbaden in Wiesloch und am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Namensgeber ist Wilhelm Feuerlein (1920 bis 2015), der sich zeitlebens als Arzt und Wissenschaftler für eine bedarfsorientierte, evidenzbasiert und nicht stigmatisierende Behandlung von Suchterkrankten eingesetzte hat. In diesem Sinne ist es das Ziel des feuerleinCTS Forschung für die Behandlung nutzbar zu machen und für die Behandlung wichtige Fragestellungen zu beforschen.

 

Fotografien: Bernhard Schmidt.

Deutscher Suchtkongress 2019 in Mainz

Wie bereits in den vergangenen Jahren unterstützt die Deutsche Suchtstiftung auch in diesem Jahr den Deutschen Suchtkongress mit finanziellen Mitteln. Der diesjährige – und zwölfte – Kongress wird federführend von der Deutschen Gesellschaft für Suchtpsychologie (dg sps) organisiert und findet vom 16.09. bis 18.09.2019 in Mainz am Rhein statt. ExpertInnen aus den Bereichen Psychologie, Medizin, Sozialtherapie, Gesellschaftswissenschaften, Pädagogik, Sozialpädagogik und Erziehungswissenschaften tauschen sich zu Grundlagenforschung, Behandlung und Prävention von Suchterkrankungen aus und diskutieren die neusten Trends.

Fortbildung zum Thema „Diamorphin-Substitution“

Eine Substitutionstherapie bei opioidabhängigen Personen erfolgt mit gesetzes- und richtlinienkonform zu verordnenden Medikamenten. Dabei besteht das Ziel darin, in absehbarer Zeit eine Substanzfreiheit zu erreichen. Alternativ kann auch eine Schadensminimierung angestreben werden und dauerhaft substituiert werden. So können der Gesundheitszustand und die soziale Situation der Betroffenen deutlich verbessert werden. Wenn die Substition mit Ersatzstoffen wie Methadon, Polamidon oder Subutex nicht erfolgreich ist, kann beispielsweise eine Behandlung mit Diamorphin in Deutschland ebenfalls möglich sein.
Am 06. September 2019 fand zu diesem Thema einer Fortbildung an der Medizinischen Hochschule Hannover statt, welche unter anderem von der Deutschen Suchtstiftung, begleitet durch Prof. Stefan Bleich, unterstützt wurde.

Schmerzmittel-Sucht: Ein Kommentar zum Opioidkonsum in Deutschland

Insbesondere in den USA wird derzeit die Thematik einer Opioid-Krise diskutiert. Auch spielt bei den weit verbreiteten Schmerzmitteln die Verantwortlichkeit der Pharmakonzerne eine Rolle. Dies stellte die Süddeutsche Zeitung am 27. August 2019 im Rahmen des Artikels Strafe für die Dealer dar. Prof. Jens Reimer gab dabei eine Einschätzung zur Opioid-Situation in Deutschland ab.

Absolut nüchtern oder relativ trocken? Literatur und Suchtforschung

Das Forschungsmagazin ABSOLUT & RELATIV der Universität Heidelberg betrachtet die Wissenschaft gerne aus verschiedensten Perspektiven. Relevante Fragen der Menschheit zu beantworten, Antworten zu suchen (und zu finden) – eine Aufgabe an die WissenschaftlerInnen der Universität und eine Einladung auch an Sie:
In der aktuellen Ausgabe finden Sie in Kapitel IV einen Beitrag von Prof. Dr. Tobias Bulang und einem der Vorstände der Deutschen Suchtstiftung, Prof. Dr. Falk Kiefer. An der Schnittstelle von Literatur und Suchtforschung wird dabei die absolute Abstinenz einer relativ geringen Trinkmenge gegenüber gestellt und vor dem Hintergrund frühneuzeitlicher Literatur diskutiert. Den Beitrag „Von Sucht und Teufel – Absolut nüchtern oder relativ trocken?“ können Sie hier einsehen.

Interview der ZEITonline mit Prof. Reimer zu Drogenkonsum in der Familie

Im Rahmen der Serie „Global Drug Survey“ berichtet ZEITonline über die Drogenumfrage 2019. Am 22. Juni 2019 fand hierzu ein Interview mit Prof. Jens Reimer statt, in welchem der Suchtforscher und ärztliche Psychotherapeut über den Umgang mit Drogenkonsum innerhalb einer Familie spricht. Der Artikel mit dem Titel „Akzeptieren Sie die Meinung Ihres Kindes“ kann auf der Homepage der ZEITonline nachgelesen werden.

Einladung zum 2. Feuerlein-Symposium zur Versorgungsforschung in der Suchttherapie

Über Wilhelm Feuerlein und das feuerleinCTS

Wilhelm Feuerlein (1920–2015) hat sich als Arzt und Wissenschaftler für eine bedarfsorientierte, evidenzbasierte und nicht stigmatisierende Behandlung von Suchterkrankten eingesetzt. Als Gründungsmitglied und erster Präsident der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht) sowie als Mitglied der Psychiatrie-Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags hat er maßgeblich an einer verbesserten Versorgung suchtkranker Menschen mitgewirkt. Im Jahr 2017 wurde das Feuerlein Centrum für Translationale Suchtmedizin (feuerleinCTS) gegründet, um diese Tradition der am Patientenbedarf orientierten und zugleich wissenschaftlich fundierten Forschung und Versorgung fortzuschreiben. Das feuerleinCTS ist eine Kooperation des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim und des Psychiatrischen Zentrums Nordbaden in Wiesloch. Mehr Informationen gibt es hier.

Das feuerleinCTS, die Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie und die Deutsche Suchtstiftung laden ein.

Am 17.10.2019 findet das zweite Feuerlein-Symposium zur Versorgungsforschung im Internationalen Wissenschaftsforum Heidelberg (IWH) statt. Mit Unterstützung der Deutschen Suchtstiftung wird sich das Feuerlein-Symposium dieses Jahr der Versorgungsforschung im suchtspezifischen Setting widmen. National und international hochangesehene Referenten sollen zur Diskussion und kritischen Reflektion der aktuellen Suchtkrankenversorgung anregen.

Informationen zum Programm, den Referenten und der Anmeldung können Sie im Flyer des Feuerlein-Symposiums einsehen. Weitere Informationen und ein Online-Link zur Anmeldung erhalten Sie auf der Homepage des feuerleinCTS .

Evaluation und Überarbeitung der Leitlinien in der Suchtbehandlung

Medizinische Leitlinien, welche auch für die Behandlung von Suchterkrankungen vorliegen, sind Handlungsempfehlungen, die wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig praxisnah sind. Derzeit startet, auch unter Mitarbeit der Vorstände der Deutschen Suchtstiftung, die Evaluation einiger aktueller S-3 Leitlinien sowie deren Überarbeitung. Die Leitlinien zu ‚Screening, Diagnose und Behandlungen alkoholbezogener Störungen‘ sowie ‚Screening, Diagnostik und Behandlung des schädlichen und abhängigen Tabakkonsums‘ stehen dabei im Fokus. Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) bietet dabei die Basis für diesen Prozess. Im System der AWMF entspricht die Entwicklungsstufe ‚S3‘ der höchsten methodischen Qualität.